Spiegelentzug

Anleitung zum Dumpfbürgertum!


Sie glauben, dass es nicht darum geht, was für die Gesellschaft gut ist, sondern was für Sie gut ist? Dann hat unser Kolumnist etwas für Sie: Eine Anleitung, wie Sie die liberale Demokratie zerstören können.

23,4 Prozent sind für einen Faschisten schon gar nicht schlecht. Aber wenn Sie, geschätztes Publikum, die freie und offene Gesellschaft wirklich vernichten möchten, dann reicht das natürlich nicht. Dann brauchen Sie mehr. Nicht nur mehr Prozente, sondern vor allem mehr von einer ganz besonderen Substanz: der dumpfen Bürgerlichkeit nämlich, dem bösen Zwilling der aufrechten Bürgerlichkeit.

Faschisten gewinnen selten allein, sie brauchen Sympathisanten, Verbündete und Verharmloser. Und dazu taugen auch Sie - wenn Sie sich endlich zur Dumpfbürgerlichkeit bekennen. Ob in Gesprächen in sozialen Medien, in Leitartikeln oder in der Kaffeeküche im Büro.

Mäßigung wird zu Lethargie

Das wesentliche Merkmal der Bürgerlichkeit ist die Mäßigung. Die dumpfe Bürgerlichkeit macht daraus Lethargie. Der Unterschied ist, dass Mäßigung eine aktive Entscheidung ist, die manchmal gezielt nicht getroffen wird. Zum Beispiel, wenn es um die Verteidigung der liberalen Demokratie geht, also der einzigen Staatsform, in der aufrechte Bürgerlichkeit existieren kann.

Die lethargische Dumpfbürgerlichkeit hingegen lässt alles geschehen, solange sie selbst nicht betroffen ist. Oder präziser: sich nicht betroffen fühlt. Denn in der dumpfbürgerlichen Welt gerinnt alles zum Ich-Gefühl, selbst die messbare Realität. Wenn sich also das im Erdgeschoss brennende Haus für ihn gar nicht warm anfühlt, fragt der Dumpfbürger auf der Dachterrasse lautstark und rhetorisch, ob das von der Feuerwehr verspritzte Wasser nicht mehr schade als nutze. Konkret müssen Sie den Kampf gegen Extremisten selbst als Extremismus brandmarken.

Anstand wird zu "Political Correctness"

Mit dem Kampfbegriff "Political Correctness" verwandeln Sie die bürgerliche Tugend des Anstands in ein egozentrisches Monster. Wer "Political Correctness" in verächtlichem Sinn sagt, macht seinen eigenen Gefühlsmaßstab zum Mittelpunkt der Welt: Ich entscheide, was herabwürdigend ist und was nicht.

Das N-Wort ist dann eine liebgewonnene Tradition, gegen die drei Ihnen persönlich bekannte schwarze Menschen gar nichts haben, hoho, wohingegen "Kartoffel" und "weißer, alter Mann" höchst rassistische Beleidigungen sind.

Das wird einfacher, wenn Sie Sprache nicht etwa als fluides Kulturkonstrukt begreifen, das Realität gleichzeitig abbildet und prägt, sondern sich Sprache als Denkmal vorstellen. Und zwar als Denkmal von Ihnen selbst. Denn das Geheimnis der richtigen, also dumpfbürgerlichen Anwendung von "Political Correctness" ist, jede eigene Empfindung als unhinterfragbaren "gesunden Menschenverstand" zu betrachten und alle anderen Empfindungen als übertrieben, hysterisch oder humorlos zu verwerfen.

Moral wird zu Hypermoral

Hypermoral ist ein Konzept von Arnold Gehlen, einem noch 1933 in die NSDAP eingetretenen Philosophen, der sein geplantes Großwerk "Die Philosophie des Nationalsozialismus"leider nicht veröffentlichte. Nach dem Krieg wurde er geschmeidig als "Mitläufer" entnazifiziert zur konservativen Leitfigur und dient heute als Stichwortgeber der Neuen Rechten.

Die heutige Unterscheidung zwischen Moral und Hypermoral ist wiederum nichts als Egozentrik: Sie allein entscheiden, was moralisch legitim oder zwingend ist - und wo man aber unbedingt Fünfe gerade sein lassen muss, weil man sonst die Freiheit - sprich: Ihre eigene Freiheit - einschränkt. Aus 3000 Jahren westlicher Moralphilosophie nehmen Sie als Dumpfbürger bitte nur mit, was ihnen situativ in den Kram passt. Vor jeder moralischen Klärung muss die allererste Frage lauten: Und ich?

Meinungsfreiheit wird zu meiner Meinungsfreiheit

Von Gauland lernen heißt siegen und heilen lernen. Und wenn Gauland sagt, dass "die Meinungsfreiheit bei uns in manchen Dingen zu weit geht", dann ist das das Hoheamt der Dumpfbürgerlichkeit. Denn sonst schreien die AfD und ihre Anhänger bei jeder Gelegenheit "Meinungsfreiheit!".

Dieser scheinbare Widerspruch ist in einer dumpfbürgerlichen Welt gar keiner - denn dort existiert nur die Freiheit zu meiner Meinung. Das ist aber, wie selbst noch die linksliberalsten ElfenbeinturmbewohnerInnen* zugeben müssen, bereits im Wort Meinungsfreiheit angelegt, das sonst ja Deinungsfreiheit heißen würde. So werden Sie zum Dumpfplauderer!

Debatte wird zu Normalisierung

Die bürgerliche Debatte, das wichtigste Instrument der deliberativen Demokratie, dient eigentlich der Aushandlung von Politik. Verwenden Sie die Debatte stattdessen, um Ihre eigenen, tiefsitzenden, rechten Ressentiments zu normalisieren. Reden Sie Vollzeit mit Rechten statt gegen Rechte, binden Sie jede noch so menschenfeindliche Attacke als diskutierbare Meinung in den Diskurs ein. Denn so sieht Ihre eigene, etwas besser gekleidete Menschenfeindlichkeit plötzlich freundlich und harmlos aus.

Aber Vorsicht, das gilt natürlich nur rechts. Praktisch alle, die aus Prinzip ständig mit Rechten reden wollen, begraben dieses Prinzip sofort, wenn es etwa um islamistische Meinungen geht. Dann nämlich leuchtet Dumpfbürgern die Notwendigkeit roter Linien in der Debatte sofort ein. Ihr simpler Ausweg aus diesem Problem heißt: Bigotterie! Sie ist der Schlüssel zu jeder guten Dumpfbürgerlichkeit.

Menschenwürde wird zu Selbstähnlichkeit

Und das also ist des Dackels Kern: Während Bürgerlichkeit die Menschenwürde als höchstes Gut begreift, stuft die Dumpfbürgerlichkeit sie geschmeidig ab. Je ähnlicher jemand Ihnen ist, in egal welcher Hinsicht, um so mehr Würde gestehen Sie ihm zu.

So einfach ist es wirklich, denn auf diese höchst elegante Weise können Sie bei der Rettungsaktion für eine weiße Britin im Mittelmeer ehrlich betroffen mitfiebern und zugleich das strategische Ertrinkenlassen afrikanischer Migranten als anwendbares politisches Instrument betrachten.

Selbstähnlichkeit ist Ihre magische Soße, die Sie der Bürgerlichkeit beimischen. Der gigantische Ödön von Horváth schrieb: "Der Spießer ist bekanntlich ein hypochondrischer Egoist, und so trachtet er danach, sich überall feige anzupassen und jede neue Formulierung der Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet." Gemeint hat er es als diagnostische Warnung - aber Sie als Dumpfbürger wissen: Es ist eine Anleitung. Prost Deutschland!“*


*Empfohlen nur für weiße, heterosexuelle, nicht jüdische, nicht behinderte, nicht arme Cis-Männer. Alle anderen stellen sich bitte nicht so an, ja?


*Quelle


Geniale Glosse nicht nur zum aktuellen Zeitgeschehen, es brodelt bereits länger.

Grundsätzlich lässt sich obige Anleitung in zahllosen Themen der sozialen Alltagswelt anwenden, sogar bei GL findet sie partiell Einzug (siehe das tolldrolltrollige Verhalten diverser User).

Augen zu und lockeres Gewährenlassen kann und darf nicht die allgemeinegültige Formel sein, wenn sich „Dumpfbürger“ hart erkämpfter Rechte bemächtigen und diese in pervertierter Manier bösartig missbrauchen.

Daher: hinsehen und Mund auf!


Un bel tacer non fu mai scritto



"Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein"*


"Es ist schwieriger, eine vorgefasste Meinung zu zertrümmern als ein Atom"*


*Albert Einstein

Kommentare 2

  • ...liest sich gut.

    Hat nur den Fehler, dass Links wie Rechts der festen Überzeugung sind, die Deutungshoheit über Moral, Sagbares, Denkbares und Handelbares zu besitzen. In einer stabilen Demokratie muss alles sagbar und diskutierbar sein, sonst ist es keine mehr. Es muss auch jeder bereit sein, mit jedem zu diskutieren, denn tut er dies aus vermeintlich persönlicher Erhabenheit (besser Überheblichkeit) nicht, ist es mit der Demokratie dahin. Die seit einiger Zeit auferlegten "Sprechverbote" fördern nur das, was sie zu verhindern gedenken.

    Tatsache ist, dass sich unsere Gesellschaft erlaubt einer Dekadenz zu erliegen, welche schon sämtliche Hochkulturen zu Fall gebracht hat. Irgendwann ist das Geld alle, weil wir es fröhlich verteilt haben und vor lauter Beschäftigung mit uns selbst den Anschluss verlieren werden und dann, reguliert sich Sag-, Denk-, und Handelbares wieder ganz neu. -Und sicherlich nicht im Sinne des hiesigen Verfassers :-))


    Im Übrigen:

    Moral diente der Kirche Jahrtausende lang zur Niederhaltung der Massen und Verhinderung des Fortschrittes, schon daher ist diesem Begriff und dessen Ausübung mit Vorsicht zu begegnen... Denn Merke: Moral ist wie die Ehre: Eine Währung der Tauge- und Habenichtse. - und wer so blöd ist, sich vorschreiben zu lassen, was er sagen und denken darf, ist selbst Schuld.


    Fazit: Schon geschrieben aber von fragwürdigem Inhalt gemäß dem Motto: Die Anderen sind alle saublöd und ich bin ein ganz Schlauer. Weiter so, dass ist der Richtige Ansatz gegen die Spaltung der Bevölkerung.

    • Philosophisch betrachtet hast Du zu 95% Recht, mit einer Ausnahme: eine stabile Demokratie garantiert zwar Meinungs- und Redefreiheit, beides hat jedoch Grenzen dort, wo diese Rechte eindeutig missbraucht werden (z.B. Volksverhetzung).
      Allerdings ist oben zitiertes kein Bericht oder Kommentar, sondern als Glosse thematisch überzogen.

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